Was die Forschung über Co-Regulation zwischen Mensch und Tier tatsächlich zeigt – und warum das für Führung wichtiger ist, als es klingt
Wer zum ersten Mal auf meinen Hof fährt, wird von Neo empfangen. Neo ist ein Mischling aus Dobermann und Cane Corso, kam aus dem Tierheim zu mir und bringt eine Vorgeschichte mit, die ich nur aus seinem Verhalten kenne. Er hat viel Energie, wenig Impulskontrolle und auf dem Hof einen klaren Auftrag: Er passt auf. Das Hoftor ist sein Revier, und zunächst lässt er keinen Zweifel daran, dass hier niemand hereinkommt. Mit ihm beginnt auf dem Hof oft schon die Begegnung, die mich zur Frage nach Co-Regulation führt: Wie reagieren Mensch und Tier aufeinander, und wie verändert sich dabei ihr Zustand?
Das ändert sich schnell, sobald die Besucher aussteigen und wir das Tor öffnen. An vielen kleinen Signalen kann ich dann ablesen, wie der Tag mit ihm verlaufen wird: ob er ihn getrennt vom Geschehen verbringt – das kam bisher ein einziges Mal vor – oder ob er zu einem aktiven Teil davon wird. Meistens wird er das, und zwar auf seine eigene Weise. Wer etwa Mühe hat, Grenzen zu setzen, hat spätestens beim Tee einen 35 Kilo schweren Hund auf dem Schoß. Was auch immer Neo sich einfallen lässt, am Ende des Tages lieben ihn alle.
Die Forschung erfasst die Wechselwirkung zwischen Mensch und Tier mit Herzfrequenzmessungen, Speichelproben und Zeitreihenanalysen. Neo braucht dafür keine Messtechnik. Sein Verhalten ist die laute Version dessen, was diese Studien als feine Kurven sichtbar machen: ein Nervensystem, das ein anderes liest, bevor ein Wort gefallen ist, und ein zweites, das darauf antwortet, ob es will oder nicht. Was ich an Neo sehe, ist Beobachtung, keine Messung. Aber es wirft dieselbe Frage auf, die die Forschung inzwischen ernsthaft stellt: Wo endet der Zustand des einen, und wo beginnt der des anderen?
Selbstregulation gehört zu den großen Begriffen unserer Zeit. Wir sollen lernen, Stress zu regulieren, Emotionen zu regulieren, unser Nervensystem zu regulieren. Dahinter steht ein Menschenbild, das tief in unserer westlichen Vorstellung von Autonomie verankert ist: Hier bin ich, dort ist die Welt, und was in meinem Körper geschieht, ist zunächst meine Angelegenheit. Biologisch ist diese Trennung kaum aufrechtzuerhalten.
Unser Nervensystem reguliert sich nicht unabhängig von seiner Umgebung. Es registriert fortwährend, was um uns herum geschieht, gleicht neue Informationen mit früheren Erfahrungen ab und verändert entsprechend Aktivierung, Aufmerksamkeit, Muskeltonus, Herzschlag, Atmung und Stoffwechsel. Zu dieser Umwelt gehören Licht, Temperatur, Geräusche und räumliche Bedingungen – vor allem aber andere Lebewesen. Lange blieb vieles davon im Bereich persönlicher Erfahrung. Inzwischen lässt sich ein Teil dieser Wechselwirkungen physiologisch messen.
Wenn zwei physiologische Systeme sich aufeinander beziehen
Ein 2026 veröffentlichter systematischer Review wertete 37 Studien aus, in denen physiologische Prozesse bei Menschen und Hunden beziehungsweise Pferden gleichzeitig gemessen wurden, unter anderem Herzfrequenz und Herzratenvariabilität, Cortisol und Oxytocin. 22 Untersuchungen befassten sich mit Mensch-Hund-Paaren, 15 mit Mensch und Pferd. In 16 Studien zeigte sich eine deutliche physiologische Co-Modulation, in weiteren 16 zumindest unter einzelnen Bedingungen oder in Teilen der Daten. Fünf Studien fanden keine entsprechende Kopplung.
Besonders konsistent waren die Befunde dort, wo physiologische Verläufe über die Zeit analysiert wurden, statt einzelne Messpunkte oder Durchschnittswerte miteinander zu korrelieren. Für die Erforschung lebender Systeme ist das folgerichtig. Regulation ist kein Wert auf einer Skala, sondern ein Prozess in der Zeit, und wer nur Momentaufnahmen vergleicht, sieht von diesem Prozess wenig.
Die Autoren ordnen ihre Ergebnisse selbst vorsichtig ein. Viele der Studien waren klein, und nicht alle haben eine Kopplung ausdrücklich statistisch geprüft. Die Befunde sprechen für das Phänomen, belegen es aber nicht abschließend – und sie deuten eher auf etwas hin, das unter bestimmten biologischen und methodischen Bedingungen entsteht, als auf eine Eigenschaft jeder Begegnung zwischen Mensch und Tier.
Co-Regulation bezeichnet die wechselseitige Mitgestaltung von Regulationsprozessen; die hier untersuchte Co-Modulation beschreibt zunächst lediglich einen messbaren Zusammenhang zwischen physiologischen Veränderungen. Zwei physiologische Systeme verändern sich in zeitlichem Zusammenhang miteinander. Daraus folgt noch keine Aussage darüber, welches System die Veränderung auslöst und in welche Richtung die Wirkung verläuft. Genau diese Unterscheidung schützt vor einer Vereinfachung, die sich rund um das Nervensystem erstaunlich hartnäckig hält. Ein Pferd „reguliert“ nicht automatisch einen Menschen. Ein Hund „aktiviert“ nicht einfach dessen Vagusnerv. Und ein sinkender Cortisolwert ist kein Beweis dafür, dass ein Organismus einen anderen in einen bestimmten Zustand versetzt hat.
Was die Forschung zeigt, ist grundsätzlicher: Physiologische Systeme verschiedener Lebewesen können sich in ihrer Dynamik aufeinander beziehen – unter bestimmten Bedingungen, in unterschiedlicher Stärke, aber messbar.
Was sich im Herzschlag zeigt
Besonders anschaulich wird das in einer 2024 in Scientific Reports veröffentlichten Untersuchung von 29 Hunden und ihren Haltern. Die Forschenden zeichneten Herzratenvariabilität und körperliche Aktivität bei beiden gleichzeitig auf – in Ruhephasen und während Streicheln, Training, gemeinsamer Nasenarbeit und Spiel.
Die Kopplung sah je nach Situation unterschiedlich aus. Beim Streicheln und Spielen bewegten sich vor allem die Aktivitätsmuster von Hund und Mensch im Gleichklang. In den freien Ruhephasen dagegen war die Herzratenvariabilität beider gekoppelt. Im statistischen Modell erwies sich die HRV des Hundes zudem als einziger Faktor, der die HRV des Halters vorhersagte. „Vorhersagen“ heißt hier allerdings: im statistischen Sinn, nicht im Sinne einer nachgewiesenen Wirkungsrichtung. Untersucht wurden außerdem ausschließlich Hunde aus Rassen, die auf die Zusammenarbeit mit dem Menschen gezüchtet wurden. Ob sich die Befunde verallgemeinern lassen, ist offen.
Das macht aus dem Hund keinen Therapeuten. Es zeigt aber, dass die Grenze zwischen „meinem Zustand“ und „deinem Zustand“ physiologisch durchlässiger ist, als unser Begriff der Selbstregulation vermuten lässt.
Regulation bedeutet nicht Ruhe
Auch die Vorstellung, gelungene Regulation müsse sich vor allem in Entspannung zeigen, hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. In einer randomisierten Crossover-Studie von 2024 erlebten 33 gesunde Erwachsene vier Situationen in zufälliger Reihenfolge: ohne Hund, den Hund nur ansehen, ihn streicheln oder gemeinsam mit ihm Tricks ausführen. Je intensiver die Begegnung, desto stärker stiegen Herzfrequenz, Blutdruck und Hautleitfähigkeit – und zugleich die Herzratenvariabilität. Der Kontakt mit dem Hund machte die Teilnehmenden also nicht einfach ruhiger. Er veränderte ihren Zustand auf eine Weise, die sich in das vertraute Schema von Stress oder Entspannung nicht einfügen lässt.
Überraschend ist das weniger, als es klingt. Ein autonomes Nervensystem hat nicht die Aufgabe, uns dauerhaft zu beruhigen. Es soll Energie bereitstellen, wenn Handlung erforderlich ist, Aufmerksamkeit bündeln, wenn etwas bedeutsam wird, und Aktivierung wieder zurücknehmen, wenn sie nicht mehr gebraucht wird. Regulationsfähigkeit zeigt sich deshalb nicht an möglichst niedriger Aktivierung, sondern an Flexibilität: an der Fähigkeit eines Systems, seinen Zustand zu verändern.
Das Pferd als Gegenüber
Auch in der Forschung zu Mensch und Pferd finden sich physiologische Kopplungen. Von den 15 Pferdestudien des aktuellen Reviews untersuchten mehrere gleichzeitig kardiale Parameter von Mensch und Tier; der überwiegende Teil fand vollständige oder partielle Co-Modulation. Gerade bei pferdegestützten Interventionen wurden wiederholt parallele Veränderungen physiologischer Parameter beschrieben.
Die Studienqualität ist unterschiedlich, und die Richtung der Einflussnahme lässt sich aus diesen Daten nicht ableiten. Das ist keine nebensächliche methodische Einschränkung, sondern genau die Linie, die eine wissenschaftliche Aussage von einer Geschichte trennt, die sich gut verkaufen lässt. Die Aussage „Pferde regulieren das menschliche Nervensystem“ geht über die Daten hinaus. Dass zwischen Mensch und Pferd während einer Begegnung messbare physiologische Wechselwirkungen entstehen, geht nicht darüber hinaus.
Damit wird das Pferd wissenschaftlich nicht weniger interessant, sondern mehr. Es geht dann nicht mehr um eine geheimnisvolle Fähigkeit eines Tieres, einen Menschen zu „heilen“, sondern um die Bedingungen, unter denen zwei hochkomplexe biologische Systeme Informationen aufnehmen, aufeinander reagieren und dabei ihren eigenen Zustand verändern.
Der Mensch ist kein geschlossenes System
Beim Menschen beginnt diese Form der Regulation, lange bevor wir überhaupt über Selbstregulation verfügen. Ein Säugling kann hohe Aktivierungszustände nicht allein zuverlässig regulieren. Temperatur, Berührung, Stimme, Rhythmus, Geruch und körperliche Nähe der Bezugsperson sind Teil seiner Regulationsbedingungen, und die Fähigkeit, eigene Zustände zunehmend selbst zu beeinflussen, entwickelt sich innerhalb solcher Beziehungen.
Diese biologische Abhängigkeit verschwindet nicht, sobald wir erwachsen werden. Sie verändert ihre Form. Wir reagieren weiterhin auf Stimme, Mimik, Körperhaltung, Geschwindigkeit, Vorhersagbarkeit und emotionale Verfügbarkeit anderer Menschen. Beziehungen können Sicherheit erhöhen oder dauerhafte Wachsamkeit erzeugen. Gruppen entwickeln Dynamiken, in denen Aktivierung weitergegeben und verstärkt wird. Ruhe kann sich ebenso übertragen wie Hektik.
Damit bekommt Regulation auch im beruflichen Kontext eine andere Bedeutung. Was jetzt folgt, ist keine Messung, sondern eine Übertragung, die ich aus der Forschung und aus meiner praktischen Arbeit ableite. Eine Führungskraft bringt nicht nur Wissen, Strategie und Entscheidungskompetenz mit in einen Raum. Sie bringt einen physiologischen Zustand mit. Unter anhaltendem Druck verändern sich Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und die Toleranz gegenüber Unsicherheit; Kontrolle gewinnt an Attraktivität, wenn das eigene System Sicherheit herstellen will.
Dieser Zustand bleibt nicht hinter der Bürotür zurück. Was Neo am Teetisch sichtbar macht, geschieht im Besprechungsraum genauso – nur dass dort niemand mit 35 Kilo auf dem Schoß darauf hinweist. Menschen reagieren aufeinander, oft lange bevor sie wissen, worauf. Die Qualität von Führung hängt deshalb nicht allein davon ab, was jemand sagt oder entscheidet, sondern auch davon, aus welchem Zustand heraus er es tut.
Von der Selbstregulation zur Regulationsfähigkeit
Der Begriff Selbstregulation bleibt sinnvoll, solange wir ihn nicht mit Unabhängigkeit verwechseln. Ein autonomes Nervensystem trägt seinen Namen nicht deshalb, weil es losgelöst von seiner Umwelt arbeitet. Es reguliert elementare Körperfunktionen weitgehend ohne bewusste Steuerung und reagiert dabei fortwährend auf innere und äußere Informationen. Regulation entsteht in diesem Austausch.
Darin liegt der grundlegende Unterschied zur Kontrolle. Kontrolle versucht, einen gewünschten Zustand herzustellen und festzuhalten. Regulation erhält die Fähigkeit, Zustände der jeweiligen Situation entsprechend zu verändern. Ein leistungsfähiges Nervensystem ist deshalb nicht permanent ruhig. Ein resilienter Mensch ist nicht dauerhaft gelassen. Und innere Stabilität bedeutet nicht, von anderen Menschen unabhängig zu werden.
Stabilität zeigt sich darin, Aktivierung zuzulassen, ohne in ihr stecken zu bleiben; Verbindung einzugehen, ohne sich darin zu verlieren; auf die Umwelt zu reagieren, ohne ihr ausgeliefert zu sein. Die Forschung zur Mensch-Tier-Co-Modulation öffnet dafür ein ungewöhnlich anschauliches Fenster. Wenn sich physiologische Prozesse sogar über Artgrenzen hinweg aufeinander beziehen, wird sichtbar, was unser individualistischer Begriff von Regulation leicht verdeckt. Wie sich der Zugang zum eigenen Zustand verändert, wenn die äußere Bewegung für einen Moment zur Ruhe kommt, beschreibe ich in „Stille ist kein Vakuum“.
Wir regulieren uns selbst. Aber wir regulieren uns nicht allein.
Wie ich mit diesen Zusammenhängen arbeite, lässt sich am unmittelbarsten auf dem Hof erleben. Ein RE:ALIGN-Tag ist ein intensiver 1:1-Tag für Menschen in Verantwortung – mit den Pferden, mit viel Raum und gelegentlich auch mit Neo. Ob er für dich der richtige nächste Schritt ist, klären wir vorher in einem Gespräch.
Literatur
Bargigli, G., Frassineti, L., Baragli, P., Scopa, C., Vignoli, A., & Lanata, A. (2026). Evidence of physiological comodulation during human–animal interaction: A systematic review. Annals of the New York Academy of Sciences, 1560(1), e70299.
Koskela, A., Törnqvist, H., Somppi, S., Tiira, K., Kykyri, V.-L., et al. (2024). Behavioral and emotional co-modulation during dog–owner interaction measured by heart rate variability and activity. Scientific Reports, 14, 25201.
Fuglsang-Damgaard, L. H., Lunde, S. J., Christensen, J. W., Vase, L., Videbech, P. B., & Thodberg, K. (2024). Human physiological responses to different types of human-dog interactions: A randomised crossover study. Complementary Therapies in Clinical Practice, 57, 101899.
